Die Erzählungen


Prolog


Die Nacht schleppte sich träge dahin, zähflüssig wie Teer wogte die Dunkelheit in den Niederungen während sich am Himmel der erste blasse Schimmer des kommenden Tages ankündigte. Xarlor gähnte und rieb sich die Augen um seine Müdigkeit zu vertreiben. Die Stunden vor Sonnenaufgang waren immer die schwersten, die Kälte kroch einem in die Glieder und die Erschöpfung drohte übermächtig zu werden.
Vor ihm auf dem Tisch lag ein dickes Buch aufgeschlagen. Seite um Seite hatten er und seine Vorgänger mit allem gefüllt was sich hier ereignete und auch heute würde er seinen Eintrag machen - "Keine Vorkommnisse" würde es heißen, so wie in jeder Nacht seit er vor etwas weniger als einem Jahr diesen Posten im äußersten Norden Ashnadars angenommen hatte.
Es machte ihn verrückt, kämpfen hatte er wollen, zu Ruhm und Ehre kommen, ein großer Kriegsmagier im stolzen rhamonischen Heer werden. Stattdessen hockte er in diesem Loch, dieser einstigen Festung, einem Ort der scheinbar abseits von Zeit und Raum lag - oder wenigstens hinter dem Ende der Welt - und bewachte etwas, was vermutlich das am stärksten gesicherte Artefakt auf ganz Ashnadar war - auch ohne ihn - was also sollte er hier?
Niemand würde etwas derartig großen stehlen können und niemand würde es benutzen - das Wissen dazu war längst verschollen und mächtige Magie, weit mächtiger als alles heute bekannte, schützten es. Fälestirs Portal - DAS Portal - für viele ein Symbol des Bösen, der Schwäche der Menschheit, Zeugnis über die Versuchungen Vorguls - für Xarlor war es die Fußfessel, welche ihn vom wahren Leben fernhielt. Aber Dienst ist Dienst und schon in wenigen Zehnttagen würde seine Ablösung eintreffen.

Xarlor machte seinen Eintrag in das Wachbuch und erhob sich steifbeinig. Der Himmel leuchtete schon in einem verwaschenen Blau, bald würde die Sonne aus dem Meer auftauchen. Doch noch bevor die ersten goldenen Strahlen die Maürn der alten Festung Mors Morgul berührten ertönte aus den Katakomben ein markerschütternder Schrei - unmenschlich, brutal, bösartig. Xarlor zuckte zusammen, keiner seiner Soldaten würde ein solches Geräusch von sich geben - ganz offensichtlich gab es Probleme. Hastig griff er nach einem kunstvoll verzierten Stab und rannte die Treppen hinunter. Die Wachräume waren leer, Stühle umgeworfen und Geschirr zerschlagen. Die Eingangshalle war von blutigen Schlieren durchzogen, die schwere, doppelflügelige Tür hing verbogen und geborsten in den Angeln, etwas sehr kräftiges musste sich hier den Weg gebahnt haben.
Der Magier murmelte einige arkane Formeln, die ihn in eine Sphäre schützender Energie hüllten, dann folgte er den blutigen Spuren in die unterirdischen Gewölbe, seinen Stab mit beiden Händen fest umklammernd und zum Kampf bereit.
Nach einigen Stufen führte die Treppe in eine weite Halle in deren Zentrum, mächtig und erhaben, das Portal Fälestirs stand, jenes Tor, welches den großen Krieg eröffnet hatte.
Das Gewölbe war dunkel und seine Wände ließen sich allenfalls erahnen, doch in der Nähe des Portals stand eine zierliche Gestalt, in eine dunkle Robe gehüllt, im Schein eines magischen Lichtes und betrachtete das Portal.
Von seinen Männern gab es keine Spur, doch es lag der süßlich schwere geruch von Blut in der Luft, vermischt mit etwas anderem - Schwefel?
Die Gestalt murmelte unverständliche Worte und tastete die glatte Steinoberfläche des Tores ab, doch plötzlich hielt sie inne und wandte sich dem Magier zu.
"Wir haben Besuch." sprach eine feine Fraünstimme in bestem Ramhonisch, "Sei so gut und kümmere dich um ihn."
Xarlor blieb nicht viel Zeit sich zu fragen wer mit "wir" wohl gemeint war, aus den Schatten trat eine riesenhafte Gestalt auf ihn zu, zu groß um sich in den Katakomben aufzurichten und von muskolöser Statur. Vier, in massiven Hufen endende Gliedmaßen trugen den Körper des Koloss, zwei weitere, klaünbewehrte, dienten ihm als Arme und aus den Schultern entsprangen kräftige, lederne Schwingen.
Der gehörnte Kopf mit einem Maul voller spitzer Reißzähne ruckte hin und her, so als suchte er nach weiteren Gegnern, dann konzentrierte sich die Kreatur auf Xarlor und grinste breit und überlegen, ein böses Glühen in den Augen.
"Einen Schlag hast du frei, Menschling!" Der tiefe Baß des Dämons schallte durch das Gewölbe und trieb dem Magier den Angstschweiß auf die Stirn. Zitternd sprach er die arkanen Formeln seines mächtigsten Spruches, er würde nur eine Chance haben, besser er nutzte sie gut.
Ein gleißender Blitz flog von seinen Fingerspitzen, schlug in der Kreatur ein und hüllte sie in ein unheimliches Licht. Für einen Moment schien die Zeit still zu stehen und Welt hörte auf zu atmen, im nächsten Augenblick jedoch zerbarst sie in einer gewaltigen Explosion. Der Boden bebte als die Druckwelle von den Wänden reflektiert über den versammelten einschlug und ohne seine schützende Magie wäre Xarlor, obwohl er viele Schritt vom Zentrum der Urgewalt entfernt war, wie eine Stoffpuppe zerschmettert worden.
Die Erde bäumte sich auf und das Gemäur rang um seinen Zusammenhalt.





Doch als der Sturm verebbt war und Staub sich herniedersenkte ertönte das höhnische Lachen des Dämons, welcher unberührt in einem klaffenden Krater stand. Schritt für Schritt kam er auf den Magier zu, immer schneller werdend, die Klaün zum Angriff bereit. Die letzten Meter überwand er in einem einzigen, gewaltigen Satz und mit seinen mächtigen Hufen durchdrang er den magischen Schutz seines Gegners als wäre er nicht vorhanden und zertrümmerte den Körper des Mannes mit einem lauten Krachen.
Die Augen im Entsetzen geweitet waren die blitzenden Zähne des Dämonen das letzte, was der Magier sah, bevor seine Welt in Blut versank und sich Dunkelheit über ihn legte.



Balthir tastete sich vorsichtig an der schroffen Felswand entlang und versuchte nicht in den gähnenden Abgrund zu seiner Linken zu blicken in den ihn die heftige Böe beinahe gestoßen hätte. Nicht dass er den Boden der Schlucht sehen könnte, dafür waren seine Augen zu schlecht, aber er wusste wie gefährlich ein Sturz in diesen Abgrund war. Selbst bei bestem Wetter hätte er Schwierigkeiten seine Schwingen auszubreiten, aber bei diesen Winden würde er zum Spielball der Naturgewalten und vermutlich an einem Felsen zerschellen.
Er schüttelte diese düsteren Gedanken ab und konzentrierte sich auf den Weg der noch vor ihm lag. Schritt für Schritt tastete er sich voran, immer dicht an der sicheren Felswand entlang, bis er schließlich den Gipfel erreicht hatte.
Balthir trat auf das kahle Plateau und atmete tief durch. Er war jedes mal erleichtert, wenn er es bis hierher geschafft hatte, auch wenn er den Pfad mit verbundenen Augen erklimmen könnte, so war es doch immer wieder gefährlich. Der Geflügelte verzog abfällig die Mundwinkel, 'mit verbundenen Augen', als ob das viel ändern würde. Er war schon so geboren worden, doch in all den Jahren hatte er sich nicht daran gewöhnt kaum den Boden unter seinen Füßen erkennen zu können. Wenn er nur hier herauf fliegen könnte, aber die unberechenbaren Winde machten dies unmöglich. Sicher, er hätte dafür sorgen können dass sich dies ändern würde, aber der Tag versprach auch so schon anstrengend genug zu werden, besser er schonte seine Kräfte. Und wie hatte sein Mentor immer gesagt? 'Nur wer es versteht mit der Schwäche zu leben verdient die Stärke.'
Der scharfe Wind zerrte an seiner Kutte und ließ ihn frösteln, der Wind - deswegen war er hier - er war sein Verbündeter und rief ihn nun zur Pflicht.
Mit wenigen entschlossenen Schritten erreichte er den kleinen Schrein, der einzigen Erhebung auf dieser windgeschliffenen Hochebene. Acht runde Säulen trugen eine schmucklose Kuppel und der Wind sag ein Lied auf seinem Weg durch das kleine Heiligtum.
Ehrfürchtig betrat Balthir den Schrein und setzte sich in der Mitte nieder, die Beine im Lotussitz überschlagen. Die Luft umströmte ihn, spielte mit einigen Strähnen seines braunen Haares, bewegte die Federn seiner schwarzen Schwingen hin und her, hieß ihn willkommen.
Der Geflügelte schloss die Augen und konzentrierte sich auf das Säuseln des Windes. Jahre der übung ließen ihn mühelos in die Anderssicht gleiten, jenen Zustand in dem er eins mit dem Wind zu werden vermochte.
Als er die Augen wieder öffnete nahm er eine andere Welt wahr. Nicht aus trüben Grautönen bestand sie sondern aus schillernden Abstufungen von Silber und Gold. Der Wind selbst war sichtbar geworden - silbrig glänzende Bänder schlängelten sich über das Plateau, wirbelten um die steinernen Säulen, um ihn, griffen nach ihm, forderten ihn auf ihnen zu folgen. Die Sonne sandte ihre goldenen Strahlen aus wie Lanzen, ihr überirdischer Glanz spiegelte sich in den Wolken und Berggipfeln, der Himmel selbst schien in flüssiges Gold getaucht zu sein - ein atemberaubender Anblick, ganz egal zum wievielten mal man ihn genoss. Zaghaft griff Balthir nach einem der silbrigen Luftbänder. Es fühlte sich kühl und solide an und zog an ihm, drängte ihn, sprach zu ihm in einer Sprache, die keine Worte kennt. Bereitwillig folgte der Geflügelte dem Wind, ließ sich emporheben und davon tragen. Er blickte nur kurz zurück, auf den kleinen Schrein in dem sein Körper aus Fleisch und Blut in tiefer Meditation ruhte, dann vermittelte er dem Wind seine Wünsche - Nach Norden.
Und die silbernen Bänder mit denen er reiste verstanden. Augenblicklich schwenkten sie nach Norden und schneller als jeder Vogel rauschten sie über die schroffen, schneebedeckten Gipfel der Donnerberge, einem fernen Ziel entgegen.
Dies war die Macht der Sturmsänger, die Kontrolle über eines der Elemente. Balthir konnte die Kraft des Windes durch seinen Astralkörper strömen fühlen, selbst seine Fehlsichtigkeit war einer kristallenen Klarheit gewichen. Nichts genoß er so sehr wie diese kostbaren Momente.
Nach einiger Zeit, Minuten oder Stunden - er vermochte es nicht zu sagen, tauchte hinter den Bergen sein Ziel auf. Vor der Kulisse des von der Morgensonne beschienenen Meeres reckte sich die verkrüppelte Ruine Mors Morgul's wie eine trotzige Faust in die Höhe und Balthir verlangsamte die Reise.
Schon von weitem erkannte er, dass etwas nicht stimmte. Schillernde Luftbänder strömten in die Festung wo eigentlich wehrhafte Tore den Eingang versperren sollten. Vorsichtig näherte er sich der öffnung, doch es gab kein Zeichen von Aktivität - die Ruine lag still und verlassen vor ihm. Dies war kein all zu gutes Zeichen, verlassen sollte sich nicht sein, ein gutes Dutzend Soldaten sorgten hier für Sicherheit, doch von ihnen fehlte jede Spur. Beunruhigt ließ sich der Sturmsänger von einem Lufthauch in die Tiefe führen, in die unterirdischen Gewölbe, in denen das gefährlichste Artefakt Ashnadars aufbewahrt wurde - das 13. Portal.
Balthir fand die zentrale Kammer von starken Zerstörungen gezeichnet vor. Das Maürwerk hatte Risse und im Boden klaffte ein großer Krater - mächtige Magie war hier gewirkt worden. Weitaus mehr Aufmerksamkeit erregte jedoch eine seltsame Apparatur, welche vor dem Portal errichtet worden war. Sie vibrierte und summte, ein unheimliches Leuchten ging von ihr aus und eine zierliche Gestalt hantierte daran herum.
Balthir versuchte näher an diesen Eindringling heran zu kommen um mehr Informationen zu sammeln, doch einige Meter vom Eingang entfernt stieß er auf ein unsichtbares Hindernis. Ein Energieschlag entlud sich mit einem laut hörbaren Krachen als er gegen die Barriere stieß - ein Energiefeld, und er konnte es nicht passieren, noch nie zuvor war ihm so etwas widerfahren.
Das Geräusch ließ die Gestalt herumfahren, unter der Kapuze kamen die hübschen Gesichtszüge einer Elfe zum Vorschein.
"Ein Eindringling" donnerte eine tiefe Stimme von irgendwo aus den Schatten, vage konnte Balthir die Umrisse eines sonderbaren Wesens ausmachen, halb Pferd, halb Mensch, doch viel größer als die Zentauren von denen er gehört hatte - und mit Flügeln?
"Aber ich sehe ihn nicht..."
Die Elfe murmelte einige Worte und suchte mit ihren Blicken den Raum ab. Darüber brauchte der Sturmsänger sich keine Gedanken zu machen, Magie konnte ihn nicht entdecken. Die merkwürdige Kreatur begann den Raum zu durchstreifen.
"Komm heraus und zeig dich. Dann wird es weniger schmerzhaft." "Gib dir keine Mühe," erwiderte die Elfe, "dieser Spion ist noch nicht einmal unsichtbar."
"Aber ich kann ihn spüren..." das Wesen kam dem Sturmsänger gefährlich nahe, mit zu Schlitzen verengten Augen hin und her blickend, ging jedoch an ihm vorüber ohne etwas zu bemerken. Die Elfe jedoch hatte eine kleine Harfe hervor geholt und schickte sich nun an darauf zu spielen.
"Ich habe mich schon gefragt, ob einer deiner Art versuchen würde hier nach dem Rechten zu sehen. Dies hier ist nur für dich." sagte sie mit einem teuflischen Grinsen und schlug die ersten Saiten an. Jeder Ton ließ die Luft erzittern und Balthir in Schmerzen zusammenfahren. Je lauter und fulminanter die Musik wurde, desto unerträglicher wurden die Qualen - Agonie, wie er sie noch nie in seinem Leben verspürt hatte, so als würde sich grabeskaltes Eisen um ihn schließen und ihn langsam zerqetschen.
Flucht - die war sein einziger Gedanke. Weg von dem Schmerz, doch so sehr er es auch versuchte, etwas hielt ihn zurück, verbot ihm diesen Ort zu verlassen. Immer dröhnender wurden die Klänge, raubten ihm den Verstand, die Wogen der Qual drohten ihn zu ertränken.
Verzweifelt sammelte er alle Kraft die ihm geblieben war und konzentrierte sich auf seinen Körper, den Schrein, die Kälte, den Wind...den Wind...
Mit einem ohrenbetäubenden Knall wurde es schwarz um ihn herum. Langsam verebbten die Klänge, Ruhe kehrte ein und Balthir vernahm das rhythmische Schlagen seines eigenen Herzens. Mühsam öffnete er die Augen und blickte auf das kahle Felsplateau, unscharf, in trüben Grautönen, und fühlte den eisigen Wind auf seiner schweißnassen Haut.
Er hatte es zurück geschafft, gerade noch.

Erschöpft erhob er sich, es hatte ihn viel Kraft gekostet, doch er gönnte sich nur eine kurze Pause - zu wichtig war, was er gesehen hatte, es gab Leute, die das erfahren mussten, so schnell wie möglich.


Kapitel 1



Heiße Luft flirrt, die grellweiße Scheibe der Sonne verschwimmt vor den Augen, kein Lüftchen regt sich - quälende Mittagszeit, Glutofen, der alles Lebendige zu schmelzen droht.
Ein alter Mann schleppt sich durch die Gassen. Schwer stützt er sich auf einen knorrigen Wanderstab und sein Kaftan schleift im Staub der Straße. Er hat zweifellos schon sehr viele Sommer gesehen, seine Haut ist vom Wetter gegerbt und von der Bürde des Alters tief zerfurcht. Ein schlohweißer Bart fällt ihm wallend bis auf die Brust. Sein Atem geht schwer während er an weißgetünchten Häusern vorbeizieht. Die Gassen und Straßen sind gänzlich leergefegt, die Bewohner haben sich vor der gnadenlosen Glut im kühlen Inneren der Häuser in Sicherheit gebracht und warten, meist dösend, auf die milderen Abendstunden. Das Sonnenlicht spielt mit den aufgespannten Marquisen und Sonnensegeln und taucht die Welt in bunte Halbschatten.
Aus den Eingängen der Häuser dringen gedämpfte Stimmen und vielfältige Gerüche nach draußen. Es duftet nach gekochtem Reis und frisch gebackenem Fladenbrot, nach Zimt, Kardamom und Kurkuma, nach Datteln, Rosinen, Honig und anderen Kostbarkeiten. Hier und da hört man einen Hund jaulen, sonst ist es fast gespenstisch ruhig. Der alte Mann wendet sich dem Basar der Tuchhändler zu und beruhigt seinen hungrigen Magen, der wohl schon seit geraumer Zeit nicht mehr ordentlich verköstigt wurde. Langsamen Schrittes betritt er den Platz, auf dem sich in den Abendstunden unzählige Händler, Einkäufer, Schausteller und Schaulustige tummeln werden, der nun aber still und verlassen liegt. In den Auslagen der Geschäfte finden sich allerlei Kostbarkeiten - edle Tücher, wertvolle Stoffe, exotische Teppiche, reich bestickt, kunstvoll verziert, mit Perlen und Palietten besetzt und durchwoben mit Goldfäden.
Der Alte läßt sich erschöpft an einer Hauswand nieder, stellt einen kleinen Teller für eventuelle Gaben vor sich hin und atmet tief durch, als plötzlich eine helle Kinderstimme ertönt. Er ist wieder da, seht nur, Kahel Mor ist wieder da, er ist zurückgekehrt! Mit diesen Worten springt ein kleines Mädchen von vielleicht 6 Jahren auf den Basar und rennt dem alten Mann entgegen. Ein Lächeln spielt um die Mundwinkel des Alten. Meine Güte, Raja, wie groß du geworden bist! Es ist eine Freude wieder hier zu sein, und eine noch viel größere dich gesund und munter zu sehen.
Inzwischen sind aus den umliegenden Häusern schon etliche Kinder herbeigeeilt und haben sich in einer Traube um Kahel versammelt. Wie ein vielstimmiger Chor ertönt von allen dieselbe Frage. Erzählst du uns eine Geschichte? Bitte Kahel, nur eine, wir haben uns schon das ganze Jahr darauf gefreut. Kahel streicht sich sichtlich nachdenklich durch den Bart. Mmh, ich weiß nicht recht. Ich bin weit gewandert, und müde bin ich auch. Ein Zwinkern spielt um seine Augen, doch die Kinder sehen ihn fast bestürzt an. Oh bitte, ihr müßt! Macht es euch ruhig hier auf den Teppichen bequem, und etwas zu essen und zu trinken werden wir auch auftreiben. Kahel kann sich ein Schmunzeln nun nicht mehr verkneifen. Nun gut, bringt mir einen Krug mit Wasser, und etwas Obst, wenn ihr es euren Müttern aus der Speisekammer entwenden könnt.
Im nu zerstreut sich die Menge, nur um sich kurz darauf wieder hier zu versammeln, schwer beladen mit einem Krug Wasser, frischen Datteln, Melonen und Weintrauben, Fladenbrot und sogar einem gerösteten Hähnchen. Kahel, der es sich inzwischen auf einem Stapel besonders weicher Teppiche bequem gemacht hat nimmt einen kräftigen Hieb aus dem Wasserkrug und bricht sich ein Stück vom Fladenbrot ab. Nun gut, sagt er zwischen zwei Bissen, Was wollt ihr denn für eine Geschichte hören? Augenblicklich ertönt eine bunte Kakophonie, jeder scheint seine Lieblingsgeschichte hören zu wollen, und es entbrennen gar heiße Wortgefechte, welche denn nun die Beste sei. Kahel schüttelt nur den Kopf. Ich sehe schon, soo wird das nie etwas werden, und ich werde gestorben sein, bevor ich euch entschieden habt. Ich will euch eine Geschichte aus dem fernen Norden erzählen, sie spielt auf der Insel, die man Ashnadar nennt.
Viele von euch haben schon von diesem Eiland gehört denn ich erzähle hin und wieder darüber und manche waren wohl auch schon dort, aber nur wenige kennen die Geschichten ihrer Helden. Wer hat nicht von dem großen Krieg gehört und der Ankunft der neuen Götter, und auch ich will nun von jener Zeit berichten, denn große Taten wurden vollbracht, ich will erzählen von Ruhm und Verachtung, von Hoffnung und Verzweiflung, vom Leben und vom Tod.




Thurmal und der Sturz Malekors


"So will ich euch davon erzählen wie Thurmal, Held des Nordens, den mächtigen Malekor zu Fall brachte. Diese Ereignisse liegen schon viele Jahrhunderte zurück und sie nahmen ihren Anfang in der Stadt Westerwiek. Dort lebte zu jener Zeit die ebenso schöne wie kluge Lady Ninuver mit ihrem Sohn Thurmal. Ihr Mann aber, Lord Greven von Westerwiek, Herr über diese Lande und Vater des Knaben, weilte nicht unter ihnen. Die Wogen des großen Krieges hatten ihn weit von seiner Heimat entfernt, in den verödeten Landen im Osten, jenseits der Donnerberge, focht er an der Seite tapferer Männer gegen den dunklen Herrscher.
Thurmal war kaum ein Jahr gewesen als sein Vater Westerwiek verließ und seitdem war viel Zeit den Reik hinuntergeflossen da erreichte die Kunde einer großen Schlacht das Heim der Lady. Es ging die Rede dass ein jeder der daran beteiligt gewesen war nun erschlagen auf dem blutgetränkten Schlachtfeld liegen würde und dass auch ihr Gatte unter jenen war. Da war ihr Kummer groß und viele Monde beweinte sie ihren Geliebten. Doch Thurmal verstand von diesen Dingen nicht viel denn er war noch ein Knabe und keine zehn Jahre alt.
Hernach verließ Ninuver die Hoffnung dass ihr Gemahl heimkehren würde und nie wieder wollte sie froher Dinge sein. Und sie dachte an ihren Sohn welcher nun vor seiner Zeit Lord über dieses Land werden würde. Und sie hatte ihm alles gelehrt was man von einer liebenden Mutter lernen kann, doch die Kunst des Kampfes, der Taktik und des Regierens mit starker Hand, das vermochte sie ihm nicht beizubringen.
So beschloss sie ihn hinfort zu schicken, ins ferne Trontje, zu Fürst Imrik, welcher ein alter Freund ihres Mannes war. Bei ihm sollte der Knabe zum Manne reifen und erlernen was es bedeutet ein Land zu führen. Thurmal mochte seine Mutter nicht verlassen, war sie doch alles was er hatte doch letztlich beugte er sich dem Willen der Lady.
Ninuver konnte ihrem Sohn kein großes Gefolge mit auf den Weg geben, waren doch die meisten Männer in den Krieg gezogen, doch ein treür Gefährte würde ihn begleiten, Damur der Heldenhafte, Waffenbruder und treüster Gefolgsmann Lord Grevens. Sein hohes Alter hatte ihn vom Kriege ferngehalten und er sorgte nun für die Lady und ihren Sohn, doch war er noch gut bei Kräften und ein geübter Kämpfer.
So kam es, dass Mutter und Sohn an einem graün Morgen mit schweren Herzen Abschied nahmen und beide weinten bitterlich, wussten sie doch nicht ob sie sich je wieder sehen würden.
Damur nahm den Kleinen bei der Hand und führte ihn in die Welt hinaus und Ninuver blickte ihnen noch lange nach und erbat den Schutz der Götter für sie.
Auf ihrer Wanderung lehrte der alte Mann den Knaben so manches über das Reisen durch die wilden Lande, wie man die Zeichen der Natur deutete und aus ihren Spuren las.
Zwei Zehnttage brachten sie so zu und obwohl es ein weiter Weg war mangelte es ihnen an nichts und sie kamen rasch voran, denn sie hielten sich nahe des Waldes von Arwen in dem die edlen Elfen Elyriums ihr Heim hatten und das Böse Vorguls streckte seine Finger nicht bis in ihr Reich aus. Als sie jedoch den Schutz des Waldes verlassen hatten und in die Nähe der westlichsten Ausläufer der Donnerberge kamen wurden sie von einer Horde marodierender Orks überfallen. Dies waren nicht die großen, bösartigen Wesen die in den dunklen Ländern im Osten heranwuchsen sondern kleinwüchsige, verschlagene Kreaturen die in den beiden Wanderern eine leichte Beute sahen. Doch als Damur seine mächtige Streitaxt Glamrung zog und drei von ihnen mit einem Streich erschlug verließ die anderen der Mut und suchten ihr Heil in der Flucht.
Hernach wurden sie nicht wieder behelligt und erreichten am einundzwanzigsten Tage ihrer Reise die Maürn der Feste Trontje, denn nicht viel mehr war es in jenen Tagen.
Die Tore fanden sie verschlossen, die Lichter verborgen und von den Zinnen sprach eine Wache die beiden Reisenden an: "Was ist dein Begehr, alter Mann, und warum führst du einen Knaben mit dir? Wisset dass wir Landstreichern keinen Einlass gewähren." Eine große Furcht lag auf Trontje zu jener Zeit denn nur die Donnerberge standen zwischen dieser Festung und den unermesslichen Heeren des dunklen Herrschers und jeder Reisende wurde mit Argwohn bedacht.
Doch Damur richtete sich zu seiner ganzen, stattlichen Größe auf und erwiderte: "Dann wisset ihr, dass keine Landstreicher vor euch stehen sondern Damur, Sohn von Hasbard, Waffenbruder von Greven dem Kühnen und dies hier ist sein Spross, Thurmal, designierter Thronfolger von Westerwiek. Und nun geht und meldet dass diese Beiden euren Herrn Fürst Imrik zu sprechen wünschen, bevor ich euch lehren muss dass ich noch nicht so alt bin wie ihr glauben mögt!"
Und da wart ihnen das Tor geöffnet und man begrüßte sie voller Freude denn solche Gäste kamen nicht sehr oft in den hohen Norden in jenen düsteren Tagen.
Imrik empfing sie in der großen Ratshalle und nachdem Damur das Anliegen der Lady Ninuver vorgetragen hatte sprach er zu dem älteren: "Lord Greven ist mir ein guter Freund schon seit vielen Jahren und sein Schicksal erfüllt mich mit tiefer Traür, schulde ich ihm doch mehr als einmal mein Leben. So werde ich den Wunsch deiner Herrin ihm zu Ehren erfüllen. Ihr sollt willkommen sein an meinem Hof und ich will den Knaben annehmen wie meinen eigenen Sohn und ihn lehren was ich vermag."

So wuchs Thurmal im unwirtlichen Norden Ashnadars auf während die Welt um ihn herum im Krieg versank. Lord Greven kehrte nicht zu seinem Weib zurück und die Hoffnung schwand dahin und diese Jahre waren schwer für Ninuver, waren doch nun all ihre Lieben fort.
Thurmal jedoch wuchs zu einem stattlichen Mann heran und Imrik unterwies ihn gut, denn er wurde nicht nur stark und geschickt im Kampf sondern auch weiser und gerechter als es die meisten ihres Lebtages nicht werden. Und auch sein Herz wurde groß und gütig denn wann immer er am Hofe des Fürsten weilte verbrachte er so viel Zeit wie seine Lehrmeister ihm erließen mit Tinuori, Imriks lieblicher Tochter. Sie war nicht viel jünger als Thurmal und als Kinder hatten sie miteinander gespielt wie Geschwister. Und wie eine Schwester war Tinuori für ihn, und er ihr wie ein Bruder. Mit den Jahren aber wuchs sie zu einer wunderschönen Maid heran. Ihr Haar war so golden wie die Sommersonne und ihre Stimme hatte einen so lieblichen Klang dass alle, die sie singen hörten, vor Entzückung wie verzaubert alle Arbeit ruhen ließen um ihr zu lauschen. Und wie sie ihre Lieder für Thurmal sang und er ihr die Geschichten aus ferner Zeit erzählte, da wuchsen ihre Gefühle füreinander und Liebe erfüllte ihre jungen Herzen.
Dem Fürsten blieb dies nicht verborgen, doch billigte er ihr Glück, denn Thurmal war ehrhaft und hatte sich bei den Bewohnern des Nordens durch seine vielen Heldentaten einen großen Namen verdient. Häufig unternahm er mit Damur ausgedehnte Streifzüge um Vorguls bösartige Diener aufzuspüren denn sein Hass auf sie war groß, hatten sie ihm doch seinen Vater geraubt. Viele der Kreaturen des dunklen Herrschers hatte er erschlagen noch bevor er das Mannesalter erreichte.
Begleitet wurden sie auf ihren Wanderungen von Drumbar, Sohn von Grimbart, einem jungen Zwerg aus Kahztil, der goldenen Stadt unter dem Berg.
Gemeinsam vollbrachten sie so manche Heldentat und sie wurden Freunde wie man sie nur einmal im Leben findet. Hoch war ihr Ansehen im Norden und überall wurden sie freudig empfangen.
Ihr Ruf und ihr Ruhm zogen viele Flüchtlinge aus allen Teilen der Insel an welche in Trontje sichere Zuflucht suchten. Und auch Krieger kamen in den Norden um Imriks Truppen zu verstärken und an der Seite Thurmals zu kämpfen.
Bald schon war in ganz Ashnadar bekannt dass die Stadt der furchtlosen Recken Vorgul nicht fürchtete und der dunkle Herrscher trachtete sehr danach Thurmal und seiner Gefährten habhaft zu werden und lange sann er darüber nach.
In Trontje verlebte Thurmal jedoch die glücklichsten Tage seines Lebens denn er wurde Tinuori zum Manne gemacht. Es wurde ein Fest gefeiert wie man es seit Beginn des großen Krieges nicht mehr gesehen hatte und noch heute erzählt man von dem Glanz und der Herrlichkeit jener Tage.
Kein Jahr war seit der Vermählung vergangen und die Zeit der Rückkehr nach Westerwiek war gekommen, da traf ein Wanderer in Trontje ein und verlangte Thurmal zu sprechen. Er war von Hunger und Entbehrungen gezeichnet und in zerschlissene Lumpen gehüllt. Jener Mann gab sich als Malfin aus und sollte Neuigkeiten über Lord Grevens Verbleib zu berichten haben. Er wurde alsbald eingelassen und trat vor Imrik und Thurmal hin: "Höret, Sohn von Greven, eine weite Reise habe ich unternommen um euch anzutreffen. Groß ist eür Ruhm in diesem Teil der Welt und eür Vater wird voll des Stolzes sein solch einen Sohn zu haben." Da wurde Thurmal wütend, hielt er dieses Reden doch für Hohn. "Wagt ihr es mir zu spotten? Wo mein Vater schon seit ungezählten Jahren im Krieg ist und niemand etwas über seinen Verbleib zu sagen vermag." "Mitnichten will ich euch spotten," erwiderte da Malfin, "steht doch hier einer vor euch der Neüs von eurem Vater zu berichten hat." Da war die überraschung groß und Hoffnung keimte in Thurmal als er die Worte Malfins vernahm. Jener hatte so manche Schlacht unter Grevens Führung gefochten und war, vor vielen langen Jahren, gemeinsam mit diesem in Gefangenschaft geraten. Malekor der Schreckliche, oberster Heerführer Vorguls machte viele Gefangene denn seine Minen gierten immer nach frischem Leben. Durch göttliche Fügung gelang Malfin nach einem Unglück in einer der Gruben die Flucht in die Freiheit. Lange irrte er durch die ödlande, ständig auf der Hut den Heerscharen des dunklen Herrschers zu entgehen. Zu guter Letzt erreichte er Reikfurt, wo er von Thurmal hörte. Die Verehrung des Lords hatte ihn schließlich nach Trontje geführt, "denn eür Vater lebt und dient in den Minen von Ghutur Kal als Sklave, gemeinsam mit vielen anderen tapferen Männern und Frauen.
Es besteht Hoffnung sie zu befreien wenn ich euch führe, denn ich kenne diese Todesgruben gut und kann euch auf Wegen leiten die nur schlecht bewacht werden."
Der Samen der Hoffnung, den Thurmal schon seit Kindestagen in sich trug wuchs zu einem großen und starken Baum heran und am liebsten wäre er noch jenem Augenblick aufgebrochen.
Allein, Imrik hielt ihn zurück und redete mit ihm im Vertraün denn er spürte übles von Malfins Worten ausgehen und misstraute ihm, auch wenn er nicht zu sagen vermochte was es war was er verspürte. Thurmal erkannte wohl den Nutzen dieser Worte denn Imrik war weiser als die meisten vom Geschlecht der Menschen in jenen Tagen, hatte er doch viel Zeit bei den Elfen verbracht und viel von ihnen gelernt. "Doch wie könnte ich hier in dieser Feste bleiben wenn es Hoffnung gibt dass mein Vater noch am Leben ist und seiner Befreiung harrt. Wenn dies ein übel ist welches der dunkle Herrscher gewoben hat so ist es der Wille der Götter und nur sie allein wissen welche Rolle mir darin zugedacht ist. Ich kann nicht bleiben, ich muss gehen, wie auch immer es ausgehen möge." Und Imrik wusste wohl, dass nichts den Jungen umstimmen könnte und große Traür erfüllte ihn ob des nahenden Abschieds.
Und Tinuori weinte lange und bitterlich, denn sie ahnte welch übel ihren geliebten Mann befallen sollte, doch auch sie vermochte nicht ihn umzustimmen. So sehr Thurmal sie auch liebte, stärker noch drängte es ihn seinen Vater aus den Klauen Malekors zu befreien.
Und so wurde der Aufbruch der vier vorbereitet, denn Imrik konnte keinen Mann entbehren, doch Damur und Drumbar würden Thurmal begleiten und Malfin würde sie führen wenn sie erst die Kämme der Donnerberge überwunden hätten.
Da der Fürst ihnen kein starkes Gefolge mit auf den Weg geben konnte stattete er sie mit mancherlei wundersamen Gegenständen aus die ihnen gute Dienste leisten sollten denn sie gingen tief in das Land des Feindes hinein und groß war die Zahl seiner Diener und Malekor selbst war der mächtigste unter ihnen. Einst ein Mensch, diente er als Kommandant in Ramhonias Armee und Halfur Teriol ward er genannt in jenen Tagen. Doch Vorguls Schatten fiel auf ihn und er wurde von den Verlockungen des dunklen Herrschers verführt. Große Macht verlieh er ihm und machte ihn zu seinem obersten Heerführer. Seither wird er Malekor genannt und nur wenig an ihm ist menschlich.
So gab Imrik den Vieren mächtige Geschenke welche wahrer Helden würdig waren und die kostbarsten Gaben waren vier Mäntel, welche vor unzähligen Jahren von den Elfen in Cir'alel mit einer Magie und handwerklichem Geschick gewoben wurden, welche in Ashnadar schon längst vergessen waren. Sie hatten die Macht ihren Träger vor den Blicken seiner Feinde zu verbergen und mehr noch, sie vermochten die Sinne jener, die die Gefährten erblicken würden, zu vernebeln, so dass sie keine gut gerüsteten Krieger sondern einfache Wanderer in ihnen sehen würden.
Für Thurmal jedoch wurde ein mächtiges Langschwert geschmiedet. Die Zwerge wirkten ihre Runenmagie hinein und die Priester segneten die Waffe. Ein Amethyst von größter Reinheit zierte den Knauf und das Heft war mit Rubinen und Saphiren besetzt. Die Klinge glänzte in einem seidigen Silber-Blau und die Runen sangen kaum hörbar von längst vergangenen Schlachten. Doch wenn das Schwert im Kampf geführt wurde leuchtete es in einem gleißenden Blau und Blitze begleiteten jeden Streich der damit geführt wurde. Daher wurde dieses Schwert Hägistorl genannt, der Blitz des Nordens, doch unter den Geschöpfen des Bösen sollte es die Todesklinge heißen und gefürchtet werden wie keine zweite Waffe jener Tage denn wahrlich groß sind die Taten die mit ihr vollbracht wurden.
Nach gut zwei Zehnttagen waren alle Vorbereitungen abgeschlossen und die kleine Gruppe zum Abmarsch bereit. Ein letztes Mal umarmten sich Thurmal und Tinuori und in ihren Augen waren Tränen, wusste sie doch um das werdende Leben in ihr und ahnte, dass sie ihrem Geliebten für immer Lebwohl sagen würde. Doch schwieg sie still, denn dies war der Wille der Götter und es geschah was geschehen musste. Sie gab Thurmal jedoch ein Amulett mit auf die Reise welches ihn beschützen sollte. Nicht größer als eine Goldmünze war es und verziert mit kunstvollen Darstellungen von majestätischen Drachen. Schon seit ewigen Zeiten hatte es sich im Besitz der Familie befunden und niemand vermochte zu sagen woher es gekommen war. Doch die Starke Magie die es wirken sollte lassen vermuten, dass dies ein Relikt aus den Zeiten der Talamar war, ein überaus mächtiges Artefakt. Dies war ihr Geschenk an den Geliebten und sie sprach: "Trage dies immer an deinem Herzen und ich werde bei dir sein und die Gefahr wird von dir weichen. Doch in größter Not halte es fest in deinen Händen und rufe die Götter um Beistand an, dann wird dir Hilfe zuteil. Eine mächtige und uralte Magie wohnt in diesem Amulett, doch nur ein einziges mal kann seine Macht gewährt werden." Und Thrumal nahm das Artefakt und band es sich an einem Band um den Hals.
Die Zeit des Abschieds war gekommen und so sagten sie Lebwohl und machten sich auf, in Richtung des Gebirges.

Der Winter war nahe und die Donnerberge waren mit einer weißen Schneedecke überzogen, die vier hatten eine beschwerliche Reise vor sich. Ein eisiger Wind blies ihnen entgegen und die Kälte kroch ihnen in die Glieder.
Am Abend des ersten Tages erreichten sie den Fuß des Gebirges und schlugen ihr Lager in einer windgeschützten Mulde auf. Sie entfachten ein kleines wärmendes Feuerr, auch wenn Drumbar und Thurmal lieber kein so weithin sichtbares Zeichen ihres Kommens gesetzt hätten. Doch Malfin litt sehr unter der Kälte denn er war sie nicht gewöhnt und Damur war inzwischen so reich an Jahren, dass ihn die Reise selbst im Sommer viel seiner Kraft gekostet hätte. Nun fiel es ihm besonders schwer, auch wenn er es still ertrug, um nichts in der Welt hätte er seinen Zögling allein auf diese Reise gehen lassen.
Die Nacht brachte den Winter und die Reisenden schliefen unruhig.
Drumbar vernahm während seiner Wache aus der Ferne das dumpfe Geräusch einiger Orktrommeln. Der Zwerg kannte dieses Zeichen nur zu gut. Sein Volk und die Orks waren Feinde seit dem Anbeginn der Zeit und schon in frühesten Kindesjahren lernte man bei dem Klang jener Trommeln auf der Hut zu sein, denn dies waren Kriegstrommeln und kündeten von nichts Gutem. Die Orks verwendeten sie um in den unwegsamen Bergen über große Entfernungen Botschaften auszutauschen. Zweifellos planten sie etwas und Drumbar war zutiefst beunruhigt.
Am nächsten Morgen erzählte er Thurmal davon und sie beratschlagten sich. Schließlich entschieden sie wie geplant durch das Gebirge zu gehen. Im Norden konnte man die Berge nicht umgehen, denn dort stand Mors Morgul, mächtig und unpassierbar. Die Donnerberge im Süden zu umrunden würde sie mehr als zwei Zehnttage kosten und dann stünden sie erst am breiten Strom Daduin, den zu überqueren sie nicht hoffen konnten denn dort standen Malekors Heere. Durch das Reich der Zwerge konnten sie ebenfalls nicht gehen denn alle Tore im Osten waren versiegelt und niemandem wurde Zutritt gewährt.
Es blieb nur der Weg über das Gebirge und der Grisholmpass war bei diesem Wetter am leichtesten zugänglich. Thurmal hoffte in drei Tagen den Pass überquert zu haben und das Gebirge hinter sich zu lassen, mit dem Willen der Götter würden die Orks sie nicht bemerken.
Der Aufstieg war beschwerlich und sie kamen nur langsam voran. Es hatte zu schneien begonnen und schon bald sah man die Hand vor Augen kaum noch. Drumbar war ihnen ein guter Führer auf den steinigen Pfaden denn er kannte das Gebirge besser als alle anderen und ohne ihn wären sie gewiss verloren gewesen. Steil wand sich der Pfad an den schroffen Feldwänden empor und zu ihrer Linken war nichts als der gähnende Abgrund der Adlerschlucht.
Schweigsam erklommen sie die Flanken der Berge bis der Tag sich seinem Ende entgegenneigte und auch das letzte, spärliche Sonnenlicht von der hereinbrechenden Nacht verschluckt wurde.
Der Zwerg führte sie zu einer Höhle, derer es hier viele gab, in der sie Schutz vor dem tobenden Wetter und ein Lager für die Nacht suchen wollten. Ob Vorgul höchstselbst an den Rädern des Schicksals gedreht hatte vermag ich nicht zu sagen, wohl aber, dass sich eine Horde seiner Orks in jener Höhle eingerichtet hatte und dass es zu einem Kampf kam. Malekors Kreaturen waren wohl noch überraschter als die vier Reisenden, so dass es Thurmal und seinen Begleitern gelang einen Großteil von ihnen zu erschlagen noch bevor sie von ihrem Feuer aufgesprungen waren. Der Kampf war rasch vorüber, doch einige der Orks konnten aus der Höhle in die Nacht fliehen und andere flüchteten in die Tiefen des Berges und niemand, nicht einmal die Zwerge, konnten sagen wohin all jene Gänge führten.
Nun wagten es die Vier nicht die Nacht in dieser Höhle zu verbringen, zu groß war die Gefahr dass schon bald mehr von Malekors Kreaturen nach ihnen suchen würden.
Und so machten sie sich, trotz aller Müdigkeit und Erschöpfung, wieder auf den Weg. Sie eilten durch die Nacht so schnell es der gefährliche Pfad zuließ und schon bald ertönten die Kriegstrommeln wieder. Zuerst noch weit entfernt, doch rasch kamen sie näher, denn die größten Orks maßen gut über drei Meter und kamen gut voran, waren sie doch Geschöpfe der Berge und kannten sie besser als selbst die Zwerge. Die vier Gefährten hasteten dem höchsten Punkt des Passes entgegen, an dem sie die Adlerschlucht überqueren mussten, und mit dem ersten Licht des neuen Tages erreichten sie die lange, hölzerne Brücke, welche an armdicken Seilen über der Schlucht hing. Der Sturm hatte sich gelegt und im goldenen Sonnenlicht konnten sie das andere, ferne Ende der Brücke gerade noch erblicken, denn die Schlucht maß mehr als zweihundert Schritt an dieser Stelle, und kein Feind war dort zu erblicken.
Doch hinter ihnen war das Geräusch der Trommeln zu einem Crescendo wahren Höllenlärms angeschwollen und ihre Verfolger mussten schon sehr nahe sein, auch wenn sie noch hinter den Felsen verborgen waren. Die kleine Gruppe rannte auf die Brücke und hinüber. Drumbar lief voran, seinen schweren Kriegshammer kampfbereit vor sich haltend, denn er vermutete am anderen Ende einen Hinterhalt und trotz seiner kurzen Beine war er flink. Hinter ihm folgte Malfin und am Ende liefen Thurmal und Damur, welcher längst nicht mehr so schnell war wie die Anderen.
Sie hatten kaum fünfzig Schritt zurückgelegt als ihre Verfolger um die letzte Ecke bogen und groß war ihre Zahl. Da waren die grobschlächtigen Orks des Gebirges mit schweren Keulen und Steinäxten bewaffnet und es waren auch die kleineren, geschickteren bei ihnen, welche Speere und Bögen trugen. Und alle anderen überragend standen zwei Riesen in der Horde und fürchterlich war ihr Anblick. Sie trugen Keulen so groß wie Bäume und die Erde bebte unter ihren Schritten.
Die großen Gebirgsorks stürmten auf die Brücke und auch ein Riese war bei ihnen, doch die kleineren Orks des Südens spannten ihre Bögen und ließen einen wahren Pfeilregen auf die Gefährten niedergehen. Nun sind diese Orks keine sehr guten Schützen und die meisten ihrer Pfeile gingen fehl, doch einer fand sein Ziel und traf Damur in den Rücken. Der Alte stürzte vornüber und Thurmal machte kehrt um ihm auf die Beine zu helfen. Die Verletzung war für den Augenblick nicht zu schwer, auch wenn Damur die Reise unmöglich fortsetzen konnte.
Die Horde kam rasch näher und den beiden blieb nicht mehr viel Zeit. Thurmal wollte seinen alten Mentor stützen um gemeinsam das rettende Ende zu erreichen, doch Damur erkannte die Unmöglichkeit dieses Vorhabens, er bestand darauf, dass Thurmal zu den anderen aufschloss während er ihnen Zeit für die Flucht erkaufen würde. "Ich bin ein alter Mann und meine Zeit ist vorüber. Und wenn ich heute sterben soll, so lieber im Kampf und mit Ehre als auf der Flucht mit Pfeilen im Rücken. Ich habe deiner Mutter versprochen auf dich acht zu geben, also siehe zu, dass du von hier verschwindest und zu Ende führst was du begonnen hast." Dies waren seine letzten Worte und sein Entschluss stand unumstößlich fest. Seine Kriegsaxt Glamrung fest in den Händen haltend trat er den Orks entgegen und sah sich nicht mehr um.
Thurmal war innerlich zerrissen, wie könnte er seinen Freund hier zurücklassen? Sollte er nicht an seiner Seite kämpfen und sterben? Doch dann dachte er an seine liebliche Frau und an seinen Vater und auch an seine Mutter, und er erkannte die Weisheit in Damurs Worten. Schweren Herzens schloss er zu den anderen auf und überließ den alten Krieger der Gnade der Götter.
Damur aber warf sich den Heranstürmenden entgegen, grimmig und entschlossen, Glamrung in mächtigen Streichen kreisend. Viele Orks fielen an jenem Tag und stürzten in die Schlucht, doch niemand vermochte an dem Krieger vorbei zu kommen denn mit großem Geschick führte er seine tödliche Waffe. Womöglich hätte Damur den Pass für lange Zeit halten können, doch nach einer Weile und vielen erschlagenen Orks beschloss Naklafrung, Riese der Donnerberge und Sohn des großen Fürsten Thorulkrung, Schrecken der Berge, höchstselbst dem Leben des Alten ein Ende zu bereiten. Mit bebenden Schritten kam er näher und pflügte sich seinen Weg durch die Reihen der Orks. Und Damur sah ihn und mit ihm sein Ende kommen. Mit dem Mut der Todgeweihten bahnte auch er sich seinen Weg durch die Reihen der Grünlinge. Gewaltig war der Kampfeslärm als diese beiden aufeinander trafen. Hieb um Hieb biss sich Glamrung in die Rüstung des Riesen und Naklafrung zahlte es ihm mit seiner Keule heim.
Minuten mochte es so gehen oder gar Stunden, doch Damurs Kräfte schwanden und am Ende würde er unterliegen. Da besann er sich auf eine letzte List und hieb mit seiner Axt auf die armdicken Seile ein, welche die Brücke über der Schlucht schweben ließen. Mit lautem Getöse rissen die Leinen und die Brücke stürzte mit allem was sich darauf befand in die Tiefe.
So fanden Damur der Heldenhafte und der mächtige Naklafrung ihren Tod auf dem Grund der Adlerschlucht und viele Orks mit ihnen. Die Schlucht wurde hernach auch die Blutschlucht genannt und noch heute wird jener Kampf in feurigen Liedern besungen.
Die drei Gefährten konnten nun jedoch ihren Weg fortsetzen und groß war die Trauer um den Verlust des Freundes. Von Wut und Schmerz erfüllt war Thurmals Herz und er schwor Rache. Unermüdlich trieb er seine Begleiter an, wie von einem inneren Feuer beseelt, und schon am zweiten Tag hatten sie den Fuß des Gebirges erreicht und befanden sich im Lande des Feindes.

Einst waren dies fruchtbare Landstriche und Kornfelder erstreckten sich von Dadûn bis Vlapesht. Ein florierender Handel mit den Zwergen, bis nach Ramhonia und selbst über das Meer hatten die Mark reich gemacht, doch das schien inzwischen Ewigkeiten zurück zu liegen. ödes, verdorrtes Land erstreckte sich so weit das Auge blicken konnte. Schwere, schwarze Wolken hingen tief über dem Land und aus Spalten und Gruben im Boden stiegen beißende Dämpfe auf. Das Land selbst schien zum Feind geworden zu sein, unwirtlich, lebensfeindlich. Und doch gab es Leben hier, kümmerliche Sträucher, verkrüppelte Bäume fristeten ihr Dasein, mit Dornen bewehrt und zwischen Steine geduckt. Und auch wenn die Reisenden keine Tiere oder andere Kreaturen sahen, so ruhten doch viele Augenpaare auf ihnen. Wilde Wesen, scheu und doch blutrünstig, hielten sich verborgen, zogen das Dunkel der Nacht dem Zwielicht des Tages vor.
Aasvögel kreisten dicht unter den Wolken, immer auf der Suche nach verendender Beute. Und ständig lauerte die Gefahr einem Trupp Orks zu begegnen, welche von Norden kommend in die Schlacht zogen. Weder Thurmal noch Drumbar waren je zuvor in den öden Landen gewesen und so übernahm Malfin die Führung der Gruppe. Sie marschierten des Nachts, begleitet vom Geheul jagender Wölfe und den Klängen anderer Tiere, welche sie nicht kannten. Tagsüber suchten sie Schutz zwischen den schroffen Steinen am Rande des Gebirges oder im Dornengestrüpp einiger Büsche und schliefen von dunklen Träumen geplagt.
Kärglich waren ihre Mahlzeiten denn weder Wasser noch Früchte und ihre Vorräte waren klein. Malfin führte sie an den östlichen Ausläufern der Donnerberge entlang nach Süden. Sie mieden die große Handelsstraße auf der sich Vorguls Karawanen bewegten und sogar kleineren Wegen wichen sie aus. So kamen sie nur langsam voran, begegneten aber keinem ihrer Feinde.
In der dritten Nacht ihrer Wanderung durch die ödnis kamen sie schließlich in jene Landstriche in denen Malekors Heere standen. Ein Meer von Lagerfeuern überzog die Ebene, Tausende Orks und grimmige, verdorbene Menschen mussten hier auf den Befehl zur Schlacht warten. Die kleine Gruppe hielt sich nun noch näher an das Gebirge und groß war ihre Wachsamkeit. Mehr als einmal marschierte ein Trupp von Vorguls Soldaten an ihnen vorüber, doch die wundervollen Elfenmäntel behüteten sie vor einer Entdeckung.
Als der Morgen graute hatte sich der Himmel vor ihnen rot verfärbt und dichter Rauch stieg auf. "Dies ist die Höllenmine," verkündete Malfin. "Das Feuer ihrer Schmieden ist so gewaltig dass es selbst den Himmel entzündet."
Schweigsam näherten sie sich dem Ziel ihrer Reise, heiße, schwefelige Dämpfe krochen aus den gequälten Wurzeln des Gebirges, Unzählige Sklaven, Gefangene und Vorguls eigene, abscheuliche Schöpfungen, gruben unermüdlich tiefe Stollen in den Berg und beförderten das kostbare Erz ans Tageslicht aus dem Malekor die Waffen und Rüstungen für Ashnadars Untergang fertigen ließ.
Malfin führte sie zu einem verlassenen Stollen am Rande der Mine aus dem schon lange kein Erz mehr hervorquoll und sie stiegen hinab in die düstere Welt unter dem Berg.
Stundenlang mochten sie durch die immer gleichen Gänge gegangen sein, ein undurchschaubares Labyrinth, als sie vor sich den schwachen Schein eines Feuers wahrnahmen. Lautlos schlichen sie heran und erblickten eine große Halle welche mit voll gerüsteten Orks gefüllt war. Unmöglich würden sie an ihnen vorbei kommen ohne bemerkt zu werden, Malfin hatte sie fehlgeleitet. Thurmal und Drumbar wandten sich zu ihrem Begleiter um, er musste noch einen anderen Weg kennen. Malfin schenkte ihnen jedoch keinerlei Beachtung. Seine Gestalt war von giftig-grünem Licht umgeben und seine Augen funkelten mit bösartigem Feuer als er uralte, arkane Formeln murmelte. Zu spät wurde den beiden Freunden der Verrat bewusst, die Erde zitterte und bebte als eine Horde Untoter aus dem Boden, den Wänden und selbst aus der Decke hervorbrach. Bleiche Knochen, zusammengehalten durch finstere Magie, unheiliges Leben, durch die Macht des Nekromanten beschworen.
Mit Spitzhacken und Schaufeln, Messern oder mit nichts als den bloßen Händen bewaffnet rückten sie näher, ein rotes Glühen in den leeren Augenhöhlen.
Schnell waren die Waffen gezogen und ein Kampf entbrannte. Rücken an Rücken standen die Freunde und kein Feind kam ihnen zu nahe. Thurmals Schwert Haegistorl leuchtete hell und krachend entluden sich mächtige Blitze bei jedem seiner Schläge. Und Drumbars Kriegshammer ließ die Gebeine der Untoten in tausend Stücke zersplittern, so dass nie wieder Leben in sie würde fahren können.
Doch die Zahl der Feinde war groß und der Kampfeslärm lockte die Orks an. Der einzige Ausweg führte in die Halle und versprach nur wenig Rettung. Dennoch entschieden die Freunde es lieber mit den Orks als mit den Untoten aufzunehmen und stürmten aus dem Gang in den großen Raum, in dem mehrere Gänge zusammenliefen. Malekors Krieger hatten sie schon erwartet und empfingen sie mit blitzendem Stahl. Thurmal und Drumbar stürzten sich wie Berserker auf die Orks und durchbrachen ihre Reihen, dicht gefolgt von den Skeletten. Die Untoten machten keinen Unterschied zwischen den beiden Recken und den Orks und so entbrannte ein heftiger Kampf zwischen beiden Parteien der erst zum Erliegen kam als der Nekromant seine Diener leblos zu Boden stürzen ließ.
Doch da waren Thurmal und Drumbar schon längst in einem der dunklen Gänge verschwunden und vorerst in Sicherheit.

In den folgenden Tagen irrten die beiden durch die finsteren Gänge, auf der Suche nach ..."
Die Stimme des Geschichtenerzählers ging in einem gewaltigen Donner unter. Die Zuhörer zuckten unwillkürlich zusammen, als wäre es Malekor selbst, der ihnen zürnte und Kahel schaute abschätzend in den Himmel. Das Blau des klaren Tages war einem bedrohlichen Schwarz-Lila gewichen, ein Sturm lag in der Luft. Die Wüste sandte heißen, sandgefüllten Wind zur Küste und wo er auf die feuchten Luftmassen des Meeres traf konnten sich gewaltige Gewitter entladen. Schon bald würde der Sturm durch die Straßen der Stadt jagen, eine Mauer aus feinem Wüstensand vor sich her treibend und wer bei Sinnen war brachte sich rechtzeitig in Sicherheit. Missmutig zuckte Kahel mit den Schultern und nahm noch einen Schluck Wein. "Wie es scheint will Vorgul höchst persönlich verhindern dass ich euch von der Niederlage seines mächtigsten Dieners berichte, doch kein Sturm der Welt könnte mich davon abhalten. Es erscheint mir aber weiser die Geschichte morgen fortzusetzen.
Kommt eine Stunde nach Mittag wieder hierher und lauscht dem großartigen Finale dieser ehrwürdigen Legende. Und wenn ihr ein paar Früchte oder einen Krug Wein erübrigen könnt werde ich es euch danken, mit trockener Kehle erzählt es sich schlecht. Nun aber geht nach hause, bevor die Wüste über uns kommt. Mögen die Götter über euch wachen." Mit diesen Worten verneigte sich Kahel vor seinen Zuhörern.
Beifall, Dankesworte und das Geklimper einiger Münzen verhallten rasch als die Menge sich zerstreute um Schutz vor dem Unwetter zu suchen.
Kahel sammelte die Münzen ein und zählte sie flüchtig, genug für ein gutes Essen und ein paar weitere Nächte in einem bequemen Bett, zufrieden ließ der das Geld in einer Tasche seines Umhangs verschwinden. "Wird Thurmal seinen Vater wiedersehen?" Der Alte blickte auf und sah Raija vor sich stehen. "Oh, du bist noch hier, du solltest längst auf dem Weg zu deinen Eltern sein, sie werden sich schon sorgen."
"Und was ist mit dem Vater? Wird er ihn finden in dieser schrecklichen Mine?" Das Mädchen hatte sich vor dem Kahel aufgebaut und schien nicht ohne eine Antwort weichen zu wollen. "Das, liebste Raija, wirst du morgen erfahren, zusammen mit den anderen." "Aber wie soll ich heute einschlafen können wenn ich es doch wissen mag, die ganze Nacht werde ich kein Auge zubekommen. "Kahel lachte und holte aus einem Beutel eine große Rebe mit saftigen Weintrauben hervor. "Ich glaube viel eher dass du morgen in der Schule damit prahlen willst dass du dem alten Geschichtenerzähler ein Geheimnis entlocken konntest. Hier, nimm die Trauben mit nach Hause und grüße deine Mutter herzlich von mir. Und nun ab mit dir bevor dich der Sturm einholt." Das Mädchen nahm die Trauben und machte sich auf den Weg. Nach ein paar Schritten drehte sie sich um und grinste den Alten an. "Schön, dass du wieder da bist."
Dann rannte sie heim und ließ Kahel allein zurück, allein, bis auf eine Gestalt, die regungslos im Dunkel eines Hauseingangs verborgen stand.
Der Geschichtenerzähler packte seine wenigen Sachen zusammen und erhob sich von seinem Lager. Langsamen Schrittes, auf seinen knorrigen Stab aus dunklem Holz gestützt, machte er sich auf den Weg zu der Herberge, in der er ein einfaches Zimmer bewohnte.
"Eine gute Geschichte. Welch Schande, dass sie kein Ende fand." Sagte die verborgene Gestalt als Kahel an ihr vorüber zog.
"In der Tat, es ist eine große Geschichte." Erwiderte der Alte ohne von seinem Weg aufzublicken. "Ich hatte mich schon gefragt wen sie schicken würden. Dass es der Beste sein würde, damit hatte ich nicht gerechnet, aber ich fühle mich geehrt."
Die Gestalt trat aus dem Dunkel hervor und die beiden gingen Seite an Seite. Der Fremde war im Vergleich zu Kahel von zierlicher Gestalt und seine Bewegungen waren weich und geschmeidig. Er war in einen langen Mantel gehüllt und hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Ein großer, schlanker Bogen und ein kleines Bündel waren sein Gepäck. "Aber du hast sie nicht sonderlich gut erzählt. Drumbar hatte etwas von vier Riesen auf dem Adlerpass erzählt als er uns vor einiger Zeit besuchte." Kahel schmunzelte bei der Erwähnung dieses Namens.
"Du weißt doch wie die Zwerge sind, mit den Jahren wächst nicht nur ihr Bart sondern auch die Zahl und Größe der erschlagenen Feinde. Aber gut möglich dass ich ein oder zwei Riesen vergessen habe, es ist schließlich auch schon eine Weile her." Eine Weile gingen beide schweigsam nebeneinander, in Gedanken in einer längst vergangenen Zeit versunken. "Wie geht es Thurmal?" "Oh, er ist wohlauf. Aber er reist nicht mehr so viel in diesen Tagen. Seit er aus Ulthuan heimgekehrt ist scheint er ein völlig anderer zu sein. Ninduriel unterrichtet ihn in der Dichtkunst soweit ich weiß." Kahel nickte nur "Dichtkunst sagst du, wer hätte das gedacht…." "Es muss aufregend sein eine solche Lebensspanne füllen zu können, wo euch doch sonst nur wenige Jahrzehnte bleiben." Bei diesen Worten verzog Kahel missmutig das Gesicht. "Es ist weit weniger aufregend als du denken magst, mit der Zeit verliert man die Lust daran. Aber du hast den weiten Weg sicher nicht gemacht um mit mir über die alten Zeiten zu reden, also, Galdor, was führt dich zu mir?" "Der Orden, er wünscht deine Hilfe." Kahel hätte nicht fragen brauchen. Natürlich war es der Orden der ihn suchte, vor dem er hierher geflohen war, mitten ins Niemandsland, dem Ende der Welt. Was würde der Orden nun von ihm wollen? Die Zeit der Kriege und Abenteuer war vorüber - zumindest für ihn, er wollte nicht mehr, aber ganz so einfach war es wohl nicht.
"Lass uns ein Dach über den Kopf bekommen, bald wird der Sturm hier sein." Wie zur Antwort dröhnte ein tiefer Warnton durch die Straßen - das Sturmhorn. Nun wurden die Stadttore geschlossen und wer nicht bald in Sicherheit war würde den morgigen Tag vielleicht nicht erleben.
Die beiden alten Bekannten eilten zu Kahels Taverne, es gab viel zu besprechen.




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